Mindtours
Sicherlich geben mir viele Recht, wenn ich behaupte, dass tanzbare, elektronische Musik in der Regel nur dann funktioniert, wenn die Musik in und mit gewohnten Strukturen spielt. Um eine crowd zu locken, anzumachen und Bewegung zu provozieren, bedarf es vom Prinzip nur einfachste Zutaten. Von der Wiese gepflückte Drums, aus den Bäumen gezupfte Bässe und im klaren Bächlein gefangene FX-Sounds sorgen nach einer wohlüberlegten Zubereitungszeit dafür, einen ambitionierten Partykessel zum Kochen zu bringen. Jedoch, und hier hoffe ich auch von vielen Recht zu bekommen, ist es auf Dauer eintönig, langweilig und sogar ungesund, immer das gleiche serviert zu bekommen, so dass ich einem „Ernährungsberater" aus meiner Stadt und aus dem gleich folgenden Grund zu großem Dank verpflichtet bin.
Es muss Ende 2004 gewesen sein, als ich auf ein sehr gehalt volles, Kraft gebendes und Serotonin spendendes Gericht aus Wales aufmerksam gemacht wurde, was unter dem Namen >Mindtours< in Feinkostläden für kulinarische Tonträger serviert wird. Wie ich im Gespräch mit Steevio, einem der Gründer von Mind tours, erfahren konnte, existiert das Label bereits seit 2000 und hat Wurzeln, die bis tief in die 80iger Jahre reichen.
„Das erste Instrument, was ich gespielt habe, war das Schlagzeug. Nach über 10 Jahren suchte ich eine neue Herausforderung, was für mich Bass und Gitarre war. Ich habe in vielen verschiedenen Bands gespielt. Die erfolgreichste Band waren die „Dead Flowers", mit denen ich 3 Alben herausgebracht hab und auch regelmäßig durch Europa, hauptsächlich durch die Schweiz, Holland und Italien, getourt bin. Mit dem Anfang der 80iger Jahre von mir gegründeten Electrofunk-Breakdance-Club „The Sidewalk" in Newcastle stellte ich meine erste Verknüpfung zu elektronischer Musik her und startete damit, mit einer Roland 303, einer 606 und dem 501 Space Echo zu experimentieren. Der mit den „Dead Flowers" entstandene Psycho Rock wurde übrigens auch schon mit Moogs, 106er Juno´s und Yamaha CS50ern unterstrichen, was seinen Höhepunkt in meinem ersten Techno-Track „Vodaphone in Oz „ hatte. Das war 1993.", so Steevio.
Diesem sehr musikalischen Hintergrund hat es Mindtours wohl auch zu verdanken, dass es trotz non-profit-Charakter und einer eher geringen Auflagenzahl zu einem Label wachsen konnte, was mit der Unterstützung von Kompakt nun auch in Deutschland „more visuell", so Steevio im Gespräch, wird. Die Musik, die auf Mindtours veröffentlicht wird, lässt sich als organisch, hypno tisch, intelligent und natürlich funky beschreiben. Was man spürt, ist, dass versucht wird, immer Musik zu veröffentlichen, die anders klingt als das, was sonst so veröffenlicht wird.
„Originalität und Experimentierfreudigkeit sind für uns das Wichtigste", so Steevio.
Die mittlerweile große, als „Underground Bewegung" von Steevio beschriebene Gemeinschaft, vereint Künstler wie Portable, Lakuti und Lump von Süd-Electronic, Karloff und viele andere, die unter dem Namen „Free Rotation" große, auch schon mal 24 h andauernde Events veranstalten. Steevio wirbelt nicht erst seit 2000 in der elec tronic Dance-Music Szene mit, sondern gründete 1994 bereits das Tribal-Acid-Label „Roost Records" und veröffentlichte dort und auf dem Label „Optimum" unter dem Namen „3000003".
„Ich merkte, dass mir irgendwann der 303 Sound langweilig erschien und benutzte ab 1996 ein „Nord Lead" für meinen Sound", beschreibt Steevio seinen Weg zu minimalerer Musik und gründete mit Mark Harrington von „Kinetec Records" 1997 das Machine-Funk Label „Torque Recordings".
In dieser Zeit spielte Steevio unter dem Namen „free radicals" und auch schon „mind tours" viel live, vor allem in England, Holland und der Schweiz. Sein dafür genutztes Equipment wurde jedoch mit der Zeit so qualitativ und quantitativ vielseitig, dass es immer schwieriger wurde, seinen Sound live zu performen, ohne sein komplettes Studio mit auf Tour zu nehmen. Schließlich begann Steevio auf Grund dieser Probleme damit, dann doch Platten aufzulegen. „Komisch, gerade beginne ich wieder live zu spielen, es ist einfach spontaner und hat mehr drive(...)", so Steevio zu seinen aktuellen Plänen, mit dem zweiten Mindtours-Labelgründer Suzybee auf Tour zu gehen, um seinen „Tribal des 21. Jahrhunderts" zu präsentieren. Diese audio-visuelle Aufführung, diese Kombination aus sehr tanzbaren grooves und hypnotisierender Tiefe, so darf man hoffen, wird auch in Deutschland zu erleben sein, was man sich -subjektiv betrachtet- nicht entgehen lassen darf.
„Ich habe aufgehört, Rock-Musik zu machen, weil ich mich durch die festgelegten Strukturen eher eingeengt fühlte. Als ich damit begann, Techno zu machen, fühlte ich mich erleichtert, von diesen langweiligen, rhytmischen Strukturen wegzukommen und alles schien plötzlich möglich zu sein", beschreibt Steevio seine Erfahrungen und betont, dass er einfache loops eher langweilig findet. Polyrhytmische Loops, am besten ohne jegliche Zeiteinteilung und trotzdem ein starkes 4/4 Element, damit die Dj´s mit seiner Musik gut arbeiten können, sind signifikante Merkmale seiner Musik, die dem Hörer das Gefühl geben könnten, dass zehn Leute zur selben Zeit unterschiedliche Rhytmen spielen.
Um diesen Anspruch an seine Musik auch umsetzen zu können, verfügt Steevio über diverse analoge Synthis, wie das SH101, Alesis Andromeda, TR909, 303, Sherman Filterbank und Moog-Filter. Natürlich findet man auch digitale Synthies, wie z.B. ein Nord Lead, Nord 3 und den Access Virus B. Die letzte, mittlerweile auch in Deutschland erhältliche „Mindtours", ist die Nummer zehn, eine Various Artists EP mit Stücken von Tom Ellis(Trimsound), Steevio, Duckett und Katsuya Urushizaki. Alle Tracks bewegen sich gekonnt zwischen House und Techno, sind sehr funktional und bestechen mit ihrer Losgelöstheit von Zeit und Raum, mit Tiefe und autonomem Situationsgebrauch. „Mindtours" elf wird vom südafrikanischen Künstler Alan Abrahams sein, der als „Portable" bereits seit langer Zeit vor allem auf „background-records" sehr überzeugend von sich hören lässt. Außerdem steht die „rogue patterns" drei in den Start löchern, die minimaler und sehr technoorientiert ist, wie von Steevio zu erfahren war. „Die meisten unserer Künstler schreiben jede Menge Musik. Im Moment schaffen wir es einfach nicht, alles auf Vinyl zu pressen", was dazu führte, neben „Mindours" auch das kostenlose Download-netlabel „Mindnet" zu gründen. „Mindnet" ist eher die Plattform für Downtempo und experimentellere Musik, wobei auch immer tanzbare Sachen dabei sind.
„Das Netlabel ist ein gutes Netzwerk und es hat viele auf uns aufmerksam gemacht, die sonst nie zu uns gestoßen wären. Wir denken, dass Networking der einzige Weg ist, um bekannter zu werden. An kommerziellen Wegen, z.B. mit mehr Werbung, haben wir keinerlei Interesse", wie Steevio deutlich macht.
„We very much believe in the undergound approach, it is more real, and money has never been our motivation."
www.mindtours.co.uk |